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Frankfurter Rundschau: Vor einigen Wochen ist ein weiterer
Band mit intellektuellen Einmischungen von Ihnen erschienen ("Gegenfeuer 2",
UVK Verlag). Worin besteht die Aufgabe des Intellektuellen in Krisensituationen
wie der gegenwärtigen?
Pierre Bourdieu: Ich habe mit der Soziologie begonnen, als ich
zum Wehrdienst in Algerien einberufen wurde, aus Gründen, die
man politisch nennen könnte. Ich wollte versuchen, den Franzosen
die Mittel bereitzustellen, um sich eine realistische Vorstellung
von der dortigen Situation zu machen. Damals habe ich erkannt, dass
die Dinge, die im Bereich der Politik diskutiert werden, nicht einfach
nur Gegenstand persönlicher Stellungnahmen sein dürfen.
Die Aufgabe besteht nicht einfach darin, Meinungen zu äußern,
seien sie auch edel und progressiv, sondern darin, ein möglichst
authentisches Bild der Realität zu liefern - und damit auch
raisons d'agir, Gründe zum Handeln. Ich habe also mit
einer wissenschaftlichen Arbeit begonnen, die kein Selbstzweck ist,
sondern die ein politisches Vakuum füllen soll, oder besser gesagt,
ein Vakuum der politischen Pädagogik. Dies ist aber etwas vollkommen
anderes, als ein vorgefertigtes politisches Programm mit wissenschaftlichen
Legitimationen auszustatten.
Vor
diesem Hintergrund fordere ich schon seit langem die Etablierung des
"kollektiven Intellektuellen": also einer Organisation, die
Spezialisten zusammenbringt, Ökonomen, Soziologen, Ethnologen
und Historiker, die dazu entschlossen sind, ihre Kompetenzen vereint
zur Verfügung zu stellen, um den Bürgern sämtliche
verfügbaren wissenschaftlichen Instrumente bereitzustellen, um
die Probleme der Aktualität - sei es in Afghanistan, Israel oder
im Irak - in ihrer Komplexität zu begreifen.
Um zu den gegenwärtigen Problemen zu kommen - sehen Sie
im religiösen Fundamentalismus eine Form des Widerstands gegen
die Globalisierung?
Der islamische Fundamentalismus ist eine extreme, aber verständliche
Reaktion auf die Lage der arabischen und islamischen Staaten und Völker.
Die Logik, die die ökonomischen und politischen Universen heute
regiert - die des double standard, dem Messen mit zweierlei
Maß -, trägt zu dieser Entwicklung bei. Ich denke, dass
jeder, der in irgendeiner Weise, direkt oder indirekt, am arabischen
Leben oder am Islam teilhat, täglich Verletzungen oder Erniedrigungen
erfährt, durch Handlungen, politische Entscheidungen oder durch
Worte. Und wenn das israelisch-palästinensische Problem im Herzen
dieser Erfahrung einer skandalösen Ungerechtigkeit liegt, dann,
weil sich diese Logik hier, ungeachtet all der Scheinlösungen,
in konzentrierter und kondensierter Form repräsentiert.
Was kann man dagegen tun - und welches ist die Aufgabe der
Intellektuellen in dieser Lage?
Immer wieder haben die algerischen, syrischen, ägyptischen,
iranischen und libanesischen Intellektuellen an die Unterstützung
der so genannten demokratischen Nationen und ihrer Intellektuellen
appelliert. Sie haben gesehen, dass der Kampf, den sie in ihrem eigenen
Land gegen die Verfechter einer Massenverdummung führten, in
dem Maße zum Scheitern verurteilt wurde, in dem sich die Politik
des double standard durchsetzte - begleitet von der Gleichgültigkeit
der westlichen Intellektuellen, die diese Entwicklung begünstigten,
indem sie nichts oder fast nichts taten, um ihr entgegenzuwirken.
Wie erklären Sie das Anwachsen des Fundamentalismus?
Wenn der Widerstand gegen den ökonomischen und kulturellen
Imperialismus der westlichen Länder und insbesondere der USA
die Form eines religiösen Fundamentalismus angenommen hat, dann
liegt dies vielleicht daran, dass die von diesem Imperialismus betroffenen
Länder über keine andere kulturell mobilisierbare und mobilisierende
Ressource verfügen. Man kann bedauern - und viele der Araber
und Muslime tun dies -, dass der Widerstand gegen Herrschaft und Imperialismus
kein anderes Ausdrucksmittel gefunden hat als dasjenige, das die religiöse
Tradition, oft in ihrer strengen, archaischen Ausprägung, bietet.
Aber man darf auch nicht vergessen, dass die ökonomischen und
gesellschaftlichen Strukturen, die die koloniale und neokoloniale
Herrschaft mit hervorgebracht haben, die Modernisierung der religiösen
Botschaft nicht begünstigt haben, und dass die westlichen Länder
und ihre Geheimdienste unablässig daran gearbeitet haben, sämtliche
progressiven politischen und kulturellen Bewegungen im Kern zu ersticken
- und dies auch heute noch tun. Das Drama der Verdammten dieser Erde,
der Südamerikaner, Afrikaner oder Asiaten, liegt in einer tragischen
Ironie der Geschichte. Um ihre Sache zu verteidigen, können sie
sich heute nur noch auf diejenigen Individuen und Völker stützen,
die auf Grund ihres - nicht nur religiösen - Konservativismus
von den Herrschenden instrumentalisiert wurden, um jene zu bekämpfen,
die einst die Verteidigung der Interessen der in Befreiungskämpfe
verstrickten Menschen monopolisiert haben. Die Allianz zwischen Bush
und Putin in Bezug auf Afghanen und Tschetschenen symbolisiert dies
in tragischer Weise.
Worin sehen Sie die zukünftige Rolle der USA - insbesondere
angesichts der brisanten weltpolitischen Situation?
Ich denke, dass man gegen die Vorstellung, dass die Vereinigten
Staaten eine Art Weltpolizei darstellen, vorgehen muss, indem man
eine internationale Institution entwirft und etabliert, die sich weltweit
mit sozialen Konflikten unter Berücksichtigung ihrer Interdependenz
befasst - also mit Afghanistan, aber auch mit dem Schuldenproblem
der Dritten Welt, mit Palästina, aber auch mit dem Problem der
Handelsabkommen, mit dem Irak, aber auch mit dem Preis von Rohstoffen
und so weiter. Ist die Blindheit, die mit der langen hegemonialen
Tradition einhergeht, wirklich so unüberwindbar, dass die Amerikaner
nicht eines Tages aus ihrem ureigensten Interesse begreifen können,
dass nur dann ein Ausweg aus dem Gleichgewicht des Schreckens gefunden
werden kann - dessen Auswirkungen jetzt auch sie erfahren haben -,
wenn sie sich selbst als Nation neben anderen begreifen, und sei es,
als prima inter pares? In dieser Position könnten sie sich dann
dem Urteil der Völkergemeinschaft stellen.
Es
gibt keinen amerikanischen Sonderfall. Und die USA können erst
dann weltweiten und auch inneren Frieden erwarten, wenn sie bereit
sind, sich selbst weder als Richter zu sehen, die Recht sprechen,
noch als Polizisten, die es ausführen, sondern, wie alle anderen,
nämlich gleichzeitig Richter und Partei zu sein. Dementsprechend
wären sie immer berechtigt, Rechenschaft zu fordern, aber gleichzeitig
auch verpflichtet, selbst Rechenschaft abzulegen - insbesondere bezüglich
ihrer Außenpolitik.
Was sollte die USA dazu bringen, ihre Machtstellung freiwillig
aufzugeben?
Ich fordere nicht, wie es andere getan haben, die Amerikaner dazu
auf, ihre Macht zu teilen. Es ist naiv, bei solchen Themen und mit
solchen Gesprächspartnern an Empfindungen zu appellieren, auch
wenn es hier um das Gerechtigkeitsempfinden zwischen Personen und
zwischen Nationen geht. Es genügt bereits zu erkennen, dass die
Logik der königlichen Willkür, des quia nominor leo (weil
ich Löwe heiße), in dieser Welt nicht mehr gelten kann,
wo die Schwächsten in völlige Verzweiflung und damit zum
Äußersten getrieben werden und gleichzeitig fast unbegrenzten
Zugriff auf viele Arten von Waffen haben. Ihre übermächtigen
Gegner, die selbst keinerlei Grenzen anerkennen, befinden sich also
in einer denkbar schlechten Position, um die Schwächsten aufzufordern,
ihrer ohnehin schon geringen Macht nochmals Grenzen zu setzen.
Können Sie noch optimistisch sein, wenn Sie die aktuellen
weltpolitischen Ereignisse betrachten?
Ich denke, dass die Soziologie es ermöglicht, außergewöhnliche
Ereignisse zumindest in ihrer inneren Logik zu verstehen, wie etwa
die Attentate von New York, deren starke symbolische Aufladung niemandem
entgangen ist. Es ist bemerkenswert, dass die Medien, die bis dahin
nur Augen für die verrücktesten militärischen Utopien
vom Typ Star Wars hatten und ausschließlich in Dimensionen von
Marschflugkörpern, Raketen und Atomkriegen dachten, durch die
Ereignisse in Afghanistan nun plötzlich erkennen, dass man Geographen,
Linguisten, Ethnologen, Historiker oder selbst Soziologen befragen
muss, wenn man Entwicklungen verstehen will, die sich nicht mehr mit
der rationalen Logik der Kosten- und Profitmaximierung erklären
lassen.
Gleichzeitig
erscheinen die Verdammten dieser Erde, Afghanen oder Pakistanis, schlagartig
in den Zeitungen, und überall liest und hört man die oft
klugen und differenzierten Aussagen all dieser turbantragenden Muslime,
welche bis dahin lediglich Objekt von Geringschätzung und Missachtung
waren. Ich möchte all denen, die normalerweise ausschließlich
auf die Ökonomie vertrauen, gerne sagen, dass eine der positiven
Eigenschaften der Krise darin besteht, dass sie die Grenzen der ökonomischen
Denkweise und ihrer mathematischen Modelle in Erinnerung ruft und
zugleich das Interesse an den Sozialwissenschaften und ihren Modellen
wiederaufleben lässt. Diese sind zwar weder formalisiert noch
formalisierbar, aber dennoch nicht weniger präzise und nützlich,
ja sogar unbedingt notwendig, um rational handeln zu können.
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